
Jeder der sich mit Karate beschäftig kennt i.d.R. mehrere Katas. Sie sind fester Bestandteil des Prüfungsprogramms und werden in vielen Vereinen mit Hingabe trainiert. Auch auf den meisten Karate-Lehrgängen befasst man sich gerne mit der richtigen Ausführung der Kata als solches. Die Beschäftigung mit den Techniken, also die Bunkai kommt aber oft zu kurz. So entschlossen wir uns mit insgesamt 10 Vereinsmitglieder die Reise nach Idar-Oberstein anzutreten und den Bunkai-Jutsu Lehrgang mit Iain Abernethy (5. Dan) am 24. / 25. 10.2009 zu besuchen. Nach einer kurzen Begrüßung durch Carsten Schmitt vom ausrichtenden Verein SV 05 Göttschied,begann Iain direkt seine Ansichten über die Entschlüsselung der Kata zu erklären. Als elementare Punkte führte er an, dass Karate nie dafür ausgelegt gewesen sei, sich gegen einen anderen Karateka verteidigen zu können. Vielmehr sei es immer Ziel gewesen, sich gegen den Angriff eines untrainierten Straßenschlägers wehren zu können. Man müsse also in der Bunkai darauf achten, nicht eine Verteidigung z.B. gegen einen Junzuki zu entwickeln, sondern eher gegen einen Schwinger oder einen Griff am Kragen, Handgelenk, etc. Des Weiteren sei es wichtig zu erkennen, dass die Winkel in der Kata nicht die Winkel seien aus denen der Angriff komme, sondern die Winkel seien, die man zum Angreifer einnehme, wenn man die Verteidigungstechnik ausführt. Außerdem, so Iain, habe jede Bewegung in einer Kata auch eine Bedeutung für die Selbstverteidigung. So demonstrierte er, dass die Eröffnungssequenz aus Naihanchi durchaus als Verteidigung funktioniere und sogar einen Würger enthalte. Auch das Hikite werde oft nicht genug beachtet. Bei Funakoshi sei nachzulesen, dass das Hikite ein Greifen und Heranziehen des Gegners darstelle, und hieraus lassen sich gleich mehrere Anwendungen ableiten. Alle diese Thesen belegte Iain nicht nur eindrucksvoll mit eine Vielzahl von praktischen Beispielen die sofort am Trainingspartner ausprobiert wurden, sondern er konnte auch viele Hinweise aus historischer Sicht geben. Hierbei verwies er gerne auf die schriftlichen Aufzeichnungen von und über Gichin Funakoshi (Shotokan), Hironori Ohtsuka (Wado Ryu), Anko Itosu (Erfinder der Pinan/ Heian Katas) und viele anderen bekannte Persönlichkeiten aus der Karate-Welt. Aus Iain´s Sicht sind in den fünf Pinan Katas Anwendungen für alle Distanzen enthalten, wie z.B. Schlagdistanz, Distanzen die es dem Angreifer ermöglichen einen Griff anzubringen bis hin zum Grappling (Ringen, Gerangel) . Außerdem enthalte Karate nicht nur Tritte und Faustschläge sondern auch Hebel, Würfe, Würger, Takedowns und Festleger. Diese werden auch in der Kata gezeigt. Auch die Unterschiede in den Ausführungen der Katas in den unterschiedlichen Stilrichtungen, insbesondere Wado Ryu und Shotokan, griff Iain immer wieder auf. Hier verdeutlichte er sehr anschaulich, dass nicht eine Ausführung besser oder richtiger sei als die andere, sondern legte plausibel dar, dass beide Variationen gut funktionieren.
Am Ende des ersten Seminartages waren viele Karate-Gis noch trocken, dafür aber die Köpfe voller Informationen und neuer Ideen. So hatte man eher das Gefühl einen Muskelkater im Kopf als in den Beinen zu bekommen, zumal die Lehrgangssprache Englisch mit deutlichem schotttischen Einschlag war.
Am zweiten Tag griff Iain ein paar Dinge des Vortages noch einmal auf. Hier insbesondere Anwendungen der Shuto- und Nukite-Techniken aus den Pinan Katas. Mit anschaulichen Drill´s (Zwei-Personen-Übungen) zeigte er eine Möglichkeit auf, mit der man ohne viel Aufwand die Bunkai auch ins tägliche Training einbauen könnte. Den Rest des Sonntag verbrachte man für einen Karateka ungewöhnlich viel auf dem Boden. Hier zeigte Iain, dass die Kata-Anwendungen auch auf den Kampf am Boden übertragbar seien. Schnell stellte man dann fest, dass doch große Defizite im Bodenkampf bestehen oder wie Iain sagte:“ Du kannst ein 10. Dan auf den Beinen sein aber ein Weiß-Gurt auf dem Rücken“. Bei den Anwendungen am Boden stellte Iain klar, dass ein Karateka niemals so mit seinen Grappling-Techniken in die Tiefe gehen kann, wie ein Kämpfer aus dem Brasilian Jiu Jitsu und auch niemals so gute Würfe wie ein Judoka anwenden werden wird. Aber wer sich ernsthaft verteidigen ,will muss auf alle Situationen eine gute Antwort haben. Daher müssen diese Anwendungen immer einfach sein und auch dann funktionieren, wenn der Gegner kein Sportler ist und neben einem der Kampfrichter steht. Ein Kampf, so Iain, habe immer etwas Chaotisches Unberechenbares, um so wichtiger ist es also, eine einfache Antwort zu haben, die auch bei Stress und Angst funktioniere.
Am Ende des zweiten Lehrgangstages verabschiedete und bedankte man sich bei Iain, dass er die weite Reise aus England auf sich genommen hatte, obwohl sein Geburtstag in das Seminar-Wochenende gefallen war. Auf der Rückreise nach Koblenz waren wir uns einig, dass, sollte Iain wieder nach Deutschland kommen, wir auch wieder dabei sein werden. Aber bis dahin haben wir eine Menge Anregungen und Ideen bekommen, die es nun gilt auszuprobieren.
Holger Keller
|